Seit den Anfängen der Kunst stehen Bilder von Menschen im Mittelpunkt künstlerischen Schaffens. Und doch war es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hierzulande geradezu verpönt, sich dieses uralten Themas anzunehmen, wenn man als Künstler einigermaßen "in" sein wollte. Der Nachholbedarf an Avantgarde von vorgestern war, bedingt durch die kulturelle Isolation des "Dritten Reiches", so groß, dass Abstraktion um jeden Preis Trumpf war. Wer "figürlich" malte, wurde mit mehr oder weniger hämischem Grinsen als hoffnungslos unzeitgemäß abgetan. Hanno Edelmann gehört zu den Künstlern, die sich nie darum kümmern, was gerade modisch ist. Und darum steht der Mensch nicht erst heute, da er auch von den Jungen wieder entdeckt zu werden scheint, im Mittelpunkt seiner Malerei.

Angesichts seiner Bilder fragt man sich vergeblich, wie überhaupt das Menschenbild so lange in Vergessenheit geraten konnte, wo doch viele so eifrig bemüht sind, es mittels der Fotografie der Nachwelt zu erhalten. Sicher hat es gerade bei uns in den dreißiger und vierziger Jahren sein Gesicht so sehr verloren, sein menschliches Gesicht, das zur Fratze der Unmenschlichkeit verzerrt wurde. Aber gerade diese Fragwürdigkeit wird bei Hanno Edelmann so deutlich. Er malt, zeichnet oder radiert seine Menschen nicht in paradiesischer Unschuld. Sie haben den Sündenfall hinter sich.

Statt seliger Heiterkeit steht Melancholie in ihren Gesichtern, selbst wenn sie sich zur fröhlichen Runde um einen Tisch versammelt haben. Auch die Gaukler und Clowns, die in dieser Bilderwelt ebenso immer wieder auftauchen wie Erinnerungen an das so oft besuchte Griechenland, haben Schaden genommen an ihrer kindlichen Seele, sind Bewohner einer "Verwundeten Welt". So heißt eins seiner neueren Gemälde, das wie eine Paraphrase auf da Vincis berühmtes "Abendmahl" erscheint. Und bisweilen taucht hinter den Gesichtern von heute die bittere Vergangenheit von gestern auf.

Hinter den Bildern Edelmanns steht fast immer die tiefere Bedeutung, auch wenn sie auf den ersten Blick kaum zu erkennen ist. Denn hier fehlt zum Glück der erhobene Zeigefinger, der gerade in der Kunst so peinlich wirken kann. Der Mensch ist das Generalthema Hanno Edelmanns; der Mensch als Einzelner und wohl auch als Einzelgänger, der Mensch aber auch in seiner Beziehung zum Anderen, zu den Anderen, denen er irgendwie verbunden ist,durch Gefühl, Zuneigung, Liebe oder Abscheu oder manchmal einfach durch den Zufall, durch Zeit und Raum.

Selten nur begegnen uns dabei der Mensch oder die Menschen losgelöst vom Medium der Kunst. Immer ist ihre Aura um sie, ist sie die große mütterliche Mittlerin und Lenkerin. menschlichen Tuns.

Hanno Edelmanns Menschen malen, musizieren,  lesen, spielen und. führen scheinbar endlose Dialoge miteinander. Sie führen ein äußerst kultiviertes Leben, das aber keineswegs nur als heil und gesund anzusprechen ist. Ihr Tun geschieht meist verschämt und heimlich, so als wollten sie sich nicht stören, nicht überraschen lassen bei subversiver Beschäftigung und verbotenem Treiben. Folgerichtig rückt sie ihr Maler auch oftmals aus der Bildmitte an den Rand des Tableaus, rückt sie eng aneinander, verschworen und abwehrend zugleich. Auf ca. einem Drittel der Bildfläche geschielt das Unheimliche, das Unaussprechbare, das Wunder - die anderen zwei Drittel bleiben weitgehend leer, der verbleibende Raum bleibt unbevölkert und auch unbeseelt.

 

 

 

 

 In der Tat, was hier geschieht scheint nicht ganz geheuer, nicht ganz uninteressant. Eine Atmosphäre verjährter Nervenexzentrizität und neurotischer Unterteuftheit macht sich breit, von Krankheit, Kreuz, Gruft und Tod und das alles in einer Zeit, die ohne Anfang und Ende und an einem Ort, der nirgends und überall ist. Allenfalls könnte man mit einiger Gewissheit behaupten, so sähe es im elfenbeinernen Turm aus, der Fluchtburg des Schönen, des Geistes und der Moral. Aber sind Edelmanns Menschen denn wirklich. Geflohene und Aussteiger, oder sind es nicht doch vielleicht eher Verfolgte und an den Rand gedrängte Außenseiter, ausgespuckt und verachtet von den Gesunden, den Blonden und Blauäugigen, den Erfolgreichen und Starken?

Ich glaube dieser Verdacht liegt nahe, er ist nicht ohne innere Berechtigung und ahnende Erkenntnis geäußert. Hier wird bildhaft vor Augen geführt, was, insbesondere um die Jahrhundertwende die Literatur beschäftigte und in Atem hielt: der Gegensatz von Kunst und Leben, die Unmöglichkeit, als Künstler auch Bürger sein zu dürfen. Aller Kunst ist ihre Abgegrenztheit vom alltäglichen Leben, von den Wonnen des Gewöhnlichen, inhärent. Hanno Edelmann ist Künstler und nicht Macher oder Produzent. Er nimmt seine Sache ernst, weiß das Kunst mehr ist als schön, gut oder gefällig Gemachtes  oder Gestaltetes. Kunst, so weiß er, kommt eben nicht von "können" , sondern von "künden".  Der wahre Künstler ist somit ein Künder, einer, der die Wahrheit über die Welt und unsere Rolle in ihr kennt .

Hanno Edelmann, 1923 in Hamburg geboren, ist seiner Vaterstadt zeitlebens treu geblieben. Hier hat er studiert, hier hat er seine künstlerische Ausbildung erhalten, bei Willem Grimm, bei Werner Haftmann und anderen. Natürlich teilte auch er das Los seiner Jahrgänge: Krieg und Gefangenschaft musste er in Frankreich und später in Russland und Sibirien erleiden. Vielleicht war es das Medium der Kunst, das ihm die Antwort gab auf die Fragen nach diesem Geschehen, nach der Verantwortung dafür und der Suche nach einem Weg solcherlei Grausamkeiten nicht nochmals zuzulassen. Irre ich mich, wenn ich glaube, das insbesondere das Verbrechen am jüdischen Volk bis heute in Edelmann nachwirkt und seine Kunst beeinflusst?

Es sind nicht nur die Physiognomien vieler seiner Gestalten, sondern auch Symbole wie das Buch oder auch die Fidel, die seine Bildgehalte in der Nähe jüdischen Lebens ansiedeln. Sie, die Juden, sind Künstler und Wissende von altersher aber auch Gezeichnete und Außenseiter und damit legitime Brüder und Schwestern der Künstler. Aquarell 4Einer, der beides war, Jude und Künstler, und der wie kaum eire Zweiter gerade uns Deutschen die Hand reichte zur Versöhnung, indem er uns beispielsweise die beispiellosen Kirchenfenster in der Mainzer St. Stephanskirche schenkte, war Marc Chagall. An ihn erinnert Edelmann nicht nur ganz direkt, indem er in einer Bronze Chagall in enger, behutsamer Umarmung mit seiner zweiten Frau zeigt, sondern auch assoziativ, auf dem großformatigen Ölbild ",Witebsk" etwa, das sich frei anlehnt an Chagalls Fiedler über den Dächern seiner russischen Heimat gleichen Namens.

Das Leiden der Außenseiter, so weiß Edelmann aber auch, beraubt sie keineswegs ihres natürlichen Adels. Die Leidenden sind Auserwählte eben auch, und das gibt ihnen Hoffnung, Stärke, Duldsamkeit und Auftrag.

HANNO EDELMANN

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